Der Superfood-Mythos und seine Schattenseiten

Kommentar, Leben

Goji-Beeren aus Asien, Avocado aus Südamerika und Chiasamen aus Zentralamerika. Der Hype um bestimmte exotische Lebensmittel, denen besondere Auswirkungen entweder auf Gesundheit, die Figur oder die Haut nachgesagt werden, ist wohl jedem Food-Lover bekannt. Doch genug der Anglizismen und der Beschönigungen. Bei näherer Betrachtung sprechen mehr Argumente gegen als für die angeblichen Wundermittel.

Beginnen wir bei dem klassischen Kokosöl, worauf zahlreiche Mitteleuropäer unlängst noch geschworen haben. Bereits im August vergangenen Jahres erschien ein Video, mit dessen Inhalt die Harvard-Professoren Karin Michels für Aufruhr gesorgt hat. Darin spricht sie sich ganz klar gegen die von der Allgemeinheit heraufbeschworene Heilwirkung des exotischen Fettes. Das ist es nun einmal eben: bloß ein pflanzliches Fett, das erst um die halbe Welt transportiert werden muss und dabei Unmengen an CO2 in die Erdatmosphäre schleudert, bis es bei uns im Supermarkt landet. Doch zurück zum eigentlichen Punkt. Michels ist Direktorin des Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie in Freiburg. Konkret bezeichnet sie Kokosöl als „pures Gift“. Zwar wurde sie für ihre überspitzte Aussagen diesbezüglich kurze Zeit später heftig kritisiert. Mit dem Kern der Botschaft liegt sie allerdings richtig. Demnach gebe es keine entsprechenden Studien, die außerordentliche positive Wirkungen am Menschen bestätigen können (vgl. YouTube).

Es gibt zwar keine Hinweise darauf, dass Kokosöl schädliche Wirkungen zur Folge haben kann; positive aber auch nicht. Diese Debatte gab den Anstoß dazu, dass die Gesellschaft endlich die Bedeutung von Wundernahrungsmittel jeglicher Art zu hinterfragen begann. Tragen Chiasamen tatsächlich besser zu unserem körperlichen Wohlbefinden bei als regionale Leinsamen?

Warum braucht der Mensch exotisches Superfood?

In früheren Zeiten der Prä-Globalisierung standen unseren Vorfahren Avocado und Co. nicht zur Verfügung. Von einem steigendem Vitamin-Spiegel der Mitteleuropäer dank Quinoa und Granatapfel in den letzten Jahrzehnten ist bislang nichts bekannt. Warum also auf die angebliche Wirkung eines Nahrungsmittels hoffen, die nie bestätigt worden ist? Dem Boom der Kulturpflanze Quinoa beispielsweise in reichen Ländern ist der Umstand zuzuschreiben, dass nicht nur hierzulande, sondern auch die Preise vor Ort in der angebauten Region steigen. So wird regionalen Bauern in Südamerika eines ihrer Grundnahrungsmittel zu teuer (Vgl. Utopia). Währenddessen schlemmen wir das hippe Produkt zum vielfachen Preis, als es eigentlich wert sein sollte. Hat man einmal diese Erkenntnis verinnerlicht, könnte man rasch ins Grübeln kommen, ob Hirse nicht ebenso gut ihren alltäglichen Zweck erfüllt.

Quinoa (Quelle: Pixabay)

In der neuesten Hochphase der Superfood-Welle befindet sich derzeit der Granatapfel. Dieser Frucht wird nachgesagt, sie wirke sich positiv auf Herz und Kreislauf aus, man vermute sogar eine heilende Wirkung auf Erkrankungen solcher Art. Wissenschaftlich bewiesen ist diese Annahme nicht – und auch Ärzte und Apotheker distanzieren sich klar von einer Bestätigung vergleichbarer Effekte. Trotzdem halten viele noch an der nahezu phantastischen Wirkung von Granatapfel. Haben sich solche Mythen erst einmal in der breiten Bevölkerung rumgesprochen, so halten sich diese hartnäckig – selbst, wenn Wissenschaft und Mediziner sich klar von jenen Annahmen distanzieren. Kleiner Tipp am Rande: Bei Blasenproblem beispielsweise helfen aus Deutschland stammende Brennnessel ebenso gut; kein Grund also, einen Granatapfel zu kaufen, der erst einmal um die halbe Welt verfrachtet wird.

Auch die Ärzte Zeitung stellt klar, dass die Wirkung unterschiedlicher Superfood-Produkte in keinerlei Hinsicht bewiesen ist und rät, stattdessen lieber auf heimisch angebaute Alternativen zurückzugreifen. So werden Johannisbeeren an der Stelle von Goji-Beeren empfohlen und Heidelbeeren statt Acai-Beeren. Auch die Hagebutte kann als die regionale Variante zur Goji-Beere gesehen werden. Der Vorteil vom Kauf regionaler Nahrungsmittel liegt auf der Hand; die Umwelt lässt grüßen.

Mit Blick auf die Industrialisierung sowie Massenabfertigung und Agrarwirtschaft ist es löblich, auf Fleisch oder gar komplett auf tierische Produkte zu verzichten. Macht man sich so viel Mühe und Gedanken über seine Ernährung und welche Folgen diese auf seine (un-)mittelbare Umwelt hat, liegt diese einem mit hoher Wahrscheinlichkeit am Herzen. Daher wäre es nur kontraproduktiv, als Fleischersatz haufenweise Quinoa oder Avocados in sich hineinzuschaufeln, die erst einmal nach Deutschland importiert werden müssen. Noch verheerender, dass zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse Menschen anderswo auf der Welt das ohnehin nur spärlich vorhandene Trinkwasser gestohlen wird (siehe Problemfall Avocado).

Die Bedeutung des individuellen Handelns begreifen

Für uns Menschen stellt es eine schwer zu bewältigende Herausforderung dar, im Kollektiv zu denken und größere, für das Auge nicht sichtbare Zusammenhänge zu erkennen. Vielleicht ist diese Dysfunktion in unserem menschlichen Wesen, das selbst beim Begreifen eines Mikrokosmos Probleme hat, verankert. Da scheint es einleuchtend zu sein, dass wir uns den Makrokosmos erst recht nicht vorstellen können. Dennoch müssen wir damit beginnen, Zusammenhänge verstehen zu lernen und welche Auswirkungen unser Handeln auf unsere Umwelt hat. Unsere Umwelt, die erstens unser Heimat darstellt und zweitens ein Umfeld, das andere Lebewesen miteinschließt. Das Handeln eines einzigen Individuums klein reden und als Ausrede für Faulheit oder Ignoranz zu verwenden, ist genau das: bloß eine Ausrede.

Die Tatsache an sich, dass wir lieber aus Übersee importiertes Obst verzehren als einen Apfel aus Brandenburg, ist ohnehin widersprüchlich. Was kommt als nächstes; mit dem Auto zum Fitness-Studio fahren anstatt zu joggen, den Lift in den zweiten Stock nehmen, um anschließend den Körper mit vorgetäuschten Treppensteig-Übungen am Stairmaster auszupowern?

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