Gendergerechte Sprache: Ja oder nein?

Allgemein, Kommentar

Pünktlich zum Internationalen Weltfrauentag wird in den Medien gerade über den kürzlich ins Leben gerufene Verein Deutsche Sprache debattiert. Dieser fordert wortwörtlich das Ende des „Gender-Unfungs“. Ein Kommentar.

Initiiert wurde der Verein vom Journalisten und Sprachkritiker Wolf Schneider, der Schriftstellerin Monika Maron, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Lehrverbands Josef Kraus sowie dem deutschen Ökonomen Walter Krämer. Wer von diesen Personen schon einmal gehört hat, wird sich kaum darüber wundern, dass sich ebenjene zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben. Gerade Wolf Schneider fällt in einem ganzen Kapitel seines populären Buches „Deutsch für junge Profis: Wie man gut und lebendig schreibt“ über den von ihm bezeichneten sprachlichen Gender-Wahnsinn her. Medienwissenschaftler, angehende Journalisten oder jene, die sonst in irgendeiner Form mit Schreiben zu tun haben, haben diesen Klassiker mindestens einmal in ihrem Leben gelesen.

Meine erste Reaktion, als ich das letzte Mal vor ungefähr einem Jahr Schneiders Lektüre studierte und jenes Kapitel beendet hatte, erstaunte mich selbst so sehr, dass ich mich sofort schämte, das Buch zur Seite legte und mich mit etwas anderem beschäftigte. Wolf Schneider sprach mir aus der Seele, so meine erste Empfindung. Diese verflüchtigte sich allerdings genauso schnell wieder, wie sie erschienen war, und zurück blieb nur eine dumpfe Stille in meinem Inneren. War es in Ordnung, bei so einem kontroversen Thema auf der „falschen“ Seite zu stehen? Gibt es diese falsche Seite überhaupt?

Ja, das tut es. Es ist durchaus nicht angebracht gendergerechte Sprache zu kritiseren, mit dem Hintergrund einer Verachtung oder Nicht-Wertschätzung der Gleichstellung von Männern und Frauen im Allgemeinen. Gleichberechtigung ist äußerst wichtig und leider auch heute noch ein weitestgehend unterschätztes Thema – zwar nicht unbedingt in der medialen Präsenz oder in der Theorie, aber in der Praxis leider schon. Das bekam ich bereits am eigenen Leibe sowohl im Alltag als auch im Berufsleben zu spüren. Deshalb ist es mir umso wichtiger, nicht falsch verstanden oder gar als Gegnerin der Frauenbewegung, die sich in den letzten Jahrzehnten deutlich erhoben hat, diskreditiert zu werden. Jegliche Argumente gegen gendergerechte Sprache sind, egal mit welchem Hintergrund, völlig inakzeptabel, insofern sie nicht ausschließlich um der Sprache selbst willen begründet sind. Unglücklicherweise ist nicht auszuschließen, dass die eine oder andere Person diese Debatte ausnutzt, um die eigene frauenfeindliche Haltung dahinter zu verbergen. Doch diese Option schließen wir in diesem Kommentar nun aus. Es geht um etwas anderes.

Zu meinem eigenen Glück bin ich in einem relativ emanzipierten Haushalt und einer – zumindest dem Wahrnehmungsvermögen eines Kindes entsprechend – Umgebung frei von Sexismus aufgewachsen. Meine Mutter ging, seit ich zurückdenken kann, arbeiten, war eine unabhängige Frau. Sie ließ mich mit dem Gefühl aufwachsen, dass ich werden könne, was immer ich wolle; und was noch viel wichtiger ist: so sein, wie ich es wolle. Über mehrere Jahre hinweg bevorzugte ich einen Kleidungsstil, dem früher eher dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wurde. Dieser bestand vorwiegend aus gemütlichen Jeans und weit geschnittene T-Shirts mit Ärmeln sowie Kapuzenpullover. Mir wurden nie Verhaltensweisen oder Klamotten vorgeschrieben. Ich durfte immer selbst wählen, zumindest in Hinsicht auf die Geschlechtsfrage. In der katholischen Klosterschule wurde mir später öfters vorgeworfen, dass mein Verhalten nicht den Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, entspreche oder diese gar verfehle. Meine Eltern sprachen mir dann aber immer gut zu, so zu sein, wie ich mich am wohlsten fühle und dies gab mir die Kraft dazu, mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Es war okay, einfach darauf loszurennen, wenn ich mich gerade danach fühlte und es war nicht schlimm, wenn ich am Tisch mal genüsslich schmatzte oder die Gabel falsch hielt.

Nein, ich wurde nicht dazu gezwungen, die Klosterschule zu besuchen. Ich entschied mich aus freien Stücken dafür, weil diese damals die Mittelschule mit den höchsten Bildungsansprüchen in meinem Landkreis war.

Leider gibt es viele Frauen, die nicht in solchen vergleichsweise emanzipierten Verhältnissen aufwuchsen, das ist mir durchaus bewusst. Aus diesem Grund war meine Reaktion auf jenes Kapitel über den „Gender-Unfug“ von Schneider für mich selbst alarmierend. Ich wollte nicht sexistisch sein, immerhin war ich selbst eine Frau und Befürworterin der Emanzipation von Frauen. Doch im Kern hielt ich seine Worte für richtig. Es irritiert mich, einen Text mit hunderten von Gender-Sternchen zu lesen, welche ich persönlich als größten Störfaktor im Lesefluss der unterschiedlichen Gender-Varianten empfinde. Es ist nun einmal angenehmer, sowohl beim Verfassen als auch beim Lesen, nicht permanent über die korrekte Formulierung von geschlechtsbezogenen Wörtern grübeln zu müssen. Gerade das Schreiben ist auch ohne Gendern oft anstrengend genug. Das Schreiben meiner Bachelorarbreit war die größte Qual für mich, denn ständig vergaß ich, irgendwo die richtige Anrede zu verwenden. Gerade bei Berufsbezeichnungen fällt mir das besonders schwer, weil ich damit nicht aufgewachsen bin und mich persönlich nie benachteiligt gefühlt habe, wenn ich irgendwo „Studenten“ anstelle von „Studierenden“ gelesen habe. Aber dazu gibt es mit Sicherheit geteilte Meinungen.

Aus der einen Sicht erscheint es einleuchtend, dass Sprache als Machtinstrument gebraucht werden kann und es eine gefährliche Stimmung erzeugen kann, wenn ausschließlich der Mann als einziger Adressat gilt. In diesem Sinne verstehe ich den Ansatz, eine gendergerechte Sprache entwickeln zu wollen. Gerade in Bezug auf Berufe lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, denn es ist nicht gerecht, wie selbstverständlich von einer männlichen Person auszugehen. Zumindest nicht, wenn nicht alle Beteiligten der Bevölkerung zufrieden damit sind. Bleibt nur die Frage, ob damit tatsächlich das Maskulin angesprochen oder gemeint wird, weil in einem journalistischen Artikel oder einem Roman das Wort „Lehrer“ als Mehrzahl anstelle von „Lehrer und Lehrerinnen“ geschrieben steht. Wobei in einem Artikel durchaus die Sprache als Mobililisierungs- oder Machtinstrument verwendet werden kann. In einem Gedicht erscheint diese Möglichkeit unwahrscheinlich.

Leider ist die deutsche Sprache nun einmal von Anfang an sexistisch konstruiert worden. Ja, vielleicht ist sie nicht mehr zeitgemäß und vielleicht wird es Zeit für Veränderungen. Das Gender-Sternchen sehe ich allerdings nicht als zukunftsfähige Lösung des Problems einer für Männer konzipierten Sprache.

Aber was können wir dagegen tun? Dem Verein Deutsche Sprache begegne ich – obwohl ich einige Punkte durchaus nachvollziehen kann – kritisch. Doch auch bei der gendergerechten Sprache, wie sie aktuell betrieben wird, nämlich mit vielen Optionen, die alle nicht verpflichtend sind, habe ich nach wie vor gemischte Gefühle. Einerseits soll sich niemand durch Sprache benachteiligt oder diskriminiert fühlen. Andererseits wünsche ich mir den Erhalt der poetischen Sprachmelodie der Sprache. Möglicherweise müssen dazu Kompromisse gefunden werden. Beispielsweise könnte man in journalistischen Beiträgen sowie Reden und allen anderen Texten, die in irgendeiner Form als Machtinstrument genutzt werden können, einen konkreten Adressaten haben (wie bei öffentlichen Ansprachen) und im Interesse der Allgemeinheit publiziert werden, verpflichtend eine einheitliche gendergerechte Sprache einführen. Dabei möchte ich das Wort einheitlich betonen, denn es wäre wohl für alle am einfachsten, wenn wir nur eine Vorgabe hätten, die dann alle anzuwenden hätten. Hingegen sollte bei Literatur auch mal ein Auge zugedrückt werden, insofern es sich um Unterhaltsungsliteratur und Belletristik oder poetische Werke handelt.

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