Digitale Wüste Deutschland? Ein Besuch in Berliner Schulen

Allgemein, Reportage

Berlin. Vor Lotte liegt eine große Auswahl an Buntstiften am Esstisch verstreut. Sie überlegt einen Moment, entscheidet sich für Rot. Dann beginnt sie auf einem leeren Blatt Papier zu malen. Im Hintergrund tönt eine Stimme aus dem Radio. Im März ist Lotte sieben geworden. Seit letztem Herbst besucht sie die Werbellinsee Grundschule in Schöneberg.

Wie sieht es mit Digitalisierung aus?

Bei dieser Frage beginnt Mutter Lisa unweigerlich zu lachen. Die Schule verfügt zwar über einen Computerraum, allerdings gibt Lisa zu, noch nie einen PC in der Schule gesehen zu haben. Ihres Wissens nutzen die Lehrkräfte keine Laptops, dafür seien aber die Klassen mit Smartboards ausgestattet. Für eine weitere digitale Aufrüstung fehle der Schule allerdings das Geld.

Wenige Kilometer weiter befindet sich im Stadtteil Kreuzberg die Bürgermeister-Herz Grundschule. Hier ist man digital etwas besser aufgestellt. In den Klassenzimmern sind Smartboards und PCs zu sehen. Von Laptops oder Tablets fehlt allerdings jede Spur. Lehrer Reinhard Niklaus spricht über die Vorteile, die die Smartboards mit sich bringen: „Die Zusammenarbeit des Kollegiums wird gefördert, indem einer etwas ausarbeitet, worauf dann auch andere Lehrkräfte zurückgreifen können. Das ist eine gewinnbringende Nutzung von Digitalisierung.“

Reinhard Niklaus unterrichtet an der Bürgermeister-Herz Grundschule

Plötzlich trillert die Schulglocke. Damit ist das Gespräch vorerst beendet. „Die 3b ist nun im Computerraum dran“, sagt Niklaus und macht sich währenddessen unbeirrt auf den Weg dahin. Hier stehen 17 Windows-Modelle bereit. Routiniert setzen sich die Kinder an die Plätze und loggen sich ein. Auf dem internen Schulserver befinden sich verschiedene Lernprogramme. In der nächsten halben Stunde ist Mathematik mit der Software BUDENBERG dran. Innerhalb weniger Minuten wird es unerwartet still im Raum. Hin und wieder schnellt eine Hand nach oben.

Niklaus ist überzeugt von der Wirkung der Lernprogramme. „Es ist effizienter, weil hier jeder mitmachen muss. Und hinzu kommt, dass es viel motivierender für die Kinder ist.“ Einen Lacher kann er sich nicht verkneifen. „Das hoffen wir jedenfalls.“

Ab der sechsten Klasse können sich die SchülerInnen freiwillig in einer AG zusammenschließen, um Grundlagen in der erziehungsorientierten visuellen Programmiersprache Scratch zu erlernen, auch der Umgang mit Calliope mini wird gefördert.

Dass da noch viel für die Digitalisierung getan werden müsse, sei dem Lehrer bewusst. Doch auch hier fehlt es an finanziellen Mitteln. Als Hoffnungsträger erweist sich der Digitalpakt Schule, der voraussichtlich Ende 2019 deutschen Schulen Geld zur Digitalisierung bereitstellen soll. „Wir sind eben auch nur eine Grundschule.“ Niklaus vermutet, dass weiterführende Schulen digital besser aufgestellt seien. Doch liegt er damit richtig?

Die SchülerInnen der 3b im Computerraum der Bürgermeister-Herz Grundschule in Kreuzberg

Wunsch nach einem zentralen Konzept

Burak T. (Name geändert) unterrichtet seit einigen Jahren an der Johanna-Eck-Schule, einer integrierten Sekundarschule im angrenzenden Stadtteil Tempelhof. Technisch sei die Schule mit mehreren Computerräumen, Laptops sowie Smartboards vergleichsweise gut ausgerüstet. Ansonsten findet der Lehrer seine Schule aber rückständig. „Programmieren lernt man an dieser Schule nicht. Das passiert frühestens in der OSZ“, so Burak T. „Doch aus Angst, abgehängt zu werden, trauen sich die Schüler dort in der Regel nicht, Informatik-Fächer zu belegen.“ In seiner Stimme schwingt Frustration mit. Im internationalen Vergleich sei nach Burak T. der Nachholbedarf in der Digitalisierung deutscher Schulen enorm.

Den Digitalpakt Schule sieht er kritisch. Darin ist die Verteilung vom Bund an Länder zur digitalen Aufrüstung von zunächst 3,5 Milliarden Euro vorgesehen. Allerdings sollen nur Schulen eine Förderung erhalten, die selbstständig ein technisch-pädagogisches Konzept vorlegen. „Meiner Meinung nach muss ein zentrales Konzept von oben her, das in den Schulen integriert wird“, schlägt Burak stattdessen vor. Seiner Erfahrung nach fehle es fast allen Schulen an Kompetenz und Zeit, selbst ein Konzept zu entwickeln. „Und jene Schulen, die über diese Kompetenz verfügen, werden dann natürlich vom Bund gefördert, während die Schulen, die das Geld dringender gebrauchen könnten, noch mehr abgehängt werden“, so seine Befürchtung.

Lisa und Tochter Lotte (7) wohnen in Schöneberg

Die Stadt der Toilettensanierung

Als gebürtige Berlinerin weiß Lisa, was sich über die Jahre im Bildungswesen der Hauptstadt getan hat – und was nicht. Das gegenwärtige Schulkonzept findet sie längst überholt. „Jetzt, wo mein eigenes Kind hier zur Schule geht, ist diese Wut und auch die Verzweiflung von damals, als ich noch zur Schule ging, wieder aufgeflammt.“ Ihr Blick fällt auf Lotte, die nach wie vor neben ihr am Tisch sitzt und arglos vor sich hin malt. Sie fährt fort: „In dreißig Jahren hat Berlin das Thema Bildung noch immer nicht richtig angefasst.“ Dass der Digitalpakt Schule das Bildungswesen in Deutschland grundsätzlich ändern könne, bezweifelt auch die junge Mutter. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Stadt der Toilettensanierung Tablets für Schulen ausgibt.“

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